Ihre Bank fragt nach ESG-Daten? Erfahren Sie hier, was Sie wissen müssen.
Viele Unternehmen erleben gerade eine neue Situation: Die Hausbank fragt im Zuge eines Kreditgesprächs, einer Finanzierungsanfrage oder der laufenden Kundenbetreuung ESG-Daten an. Oft kommt dies überraschend, insbesondere für kleine und mittlere Unternehmen (KMU), die selbst gar nicht unter die Nachhaltigkeitsberichtspflicht fallen.
Die gute Nachricht: Oft geht es gar nicht darum, einen vollständigen Nachhaltigkeitsbericht (z.B. nach VSME) vorzulegen. Vielmehr möchten bzw. müssen Banken bestimmte Informationen zu Umwelt, Sozialem und Unternehmensführung (Environmental, Social & Governance – ESG) erfassen. Diese Daten helfen Ihnen dabei, gesetzliche Vorgaben zu erfüllen und Nachhaltigkeitsrisiken besser einzuschätzen.
Doch welche Informationen werden überhaupt abgefragt? Und was können Unternehmen tun, wenn sie viele dieser Daten bislang noch gar nicht erheben?
Welche ESG-Daten könnte die Bank abfragen?
Viele österreichische Banken orientieren sich bei ihrer Datenerhebung am Basis-Fragebogen des OeKB-ESG-Data Hubs. Dieser wurde entwickelt, um Unternehmen eine einheitliche Grundlage für ESG-Anfragen verschiedener Finanzinstitute zu bieten. Dadurch sollen Mehrfachabfragen reduziert und die Vergleichbarkeit verbessert werden.
Je nach Branche und Unternehmensgröße können einzelne Fragen unterschiedlich ausfallen. Im Regelfall werden Informationen aus den drei ESG-Bereichen abgefragt.
Umwelt (Environmental)
Im Umweltbereich interessieren sich Banken unter anderem für Fragen wie:
- Wie hoch ist der Energieverbrauch des Unternehmens?
- Werden erneuerbare Energien genutzt?
- Liegen Daten zu den Treibhausgasemissionen vor?
- Wie wird mit Abfällen umgegangen?
- Gibt es Maßnahmen zur Steigerung der Energieeffizienz?
- Werden Wasserverbrauch oder Ressourcenverbrauch erfasstt
- Verfügt das Unternehmen über Umweltzertifizierungen oder Umweltmanagementsysteme?
Nicht jedes Unternehmen muss sämtliche Kennzahlen liefern. Häufig genügt zunächst eine realistische Einschätzung der wichtigsten Umweltthemen.
Soziales (Social)
Im sozialen Bereich stehen vor allem die Mitarbeiter:innen sowie gesellschaftliche Verantwortung im Mittelpunkt. Mögliche Fragen sind beispielsweise:
- Wie viele Mitarbeiter:innen beschäftigt das Unternehmen?
- Gibt es Maßnahmen zur Arbeitssicherheit?
- Werden Aus- und Weiterbildungen angeboten?
- Wie wird Chancengleichheit gefördert?
- Gibt es Richtlinien zum Gesundheitsschutz?
- Werden Menschenrechte entlang der Lieferkette berücksichtigt?
Gerade bei kleineren Unternehmen existieren viele dieser Maßnahmen bereits, wurden bislang jedoch nie systematisch dokumentiert.
Unternehmensführung (Governance)
Auch die Unternehmensführung bekommt eine immer wichtigere Rolle. Banken möchten beispielsweise wissen:
- Gibt es einen Verhaltenskodex?
- Bestehen Compliance-Regelungen?
- Wie wird Korruption verhindert?
- Sind Verantwortlichkeiten für Nachhaltigkeit definiert?
- Werden Risiken regelmäßig bewertet?
- Gibt es interne Richtlinien oder Prozesse zu ESG-Themen?
Dabei geht es häufig weniger um umfangreiche Dokumentationen als um nachvollziehbare Strukturen und klare Verantwortlichkeiten.
Was tun, wenn die Daten noch nicht vorliegen?
Viele Unternehmen stellen beim Blick auf den Fragebogen fest, dass sie zahlreiche Informationen gar nicht systematisch erfassen. Das ist zunächst kein Grund zur Sorge. Gerade für KMU ist ESG häufig ein neues Thema und viele Banken wissen, dass sich Unternehmen erst schrittweise darauf einstellen. Reden Sie mit Ihrer Bank darüber und vereinbaren Sie einen konkreten Zeitplan, wann Sie welche Daten liefern. Das bringt Ihnen nicht nur Vorteile in der Zusammenarbeit mit Ihrer Bank, sondern kann auch finanzielle Vorteile bringen. Derzeit arbeiten Banken beispielsweise sehr oft mit Branchenschätzungen – und diese können mitunter für Ihr Unternehmen schlechter ausfallen als der Realität entspricht.
Wichtig ist in jedem Fall, jetzt mit dem Aufbau einer strukturierten Datengrundlage zu beginnen. Wir empfehlen Ihnen dazu folgendes Vorgehen:
1. Bestehende Informationen sammeln
Der erste Schritt besteht darin, vorhandene Informationen zusammenzutragen. Die meisten ESG-Daten liegen bereits vor, oft aber noch unstrukturiert. Beispielsweise:
- Strom- und Gasrechnungen
- Kraftstoffabrechnungen
- Personalstatistiken
- Arbeitsschutzunterlagen
- ISO-Zertifizierungen
- Organigramme
- Compliance-Richtlinien
- Lieferanteninformationen
Viele Unternehmen verfügen also bereits über einen großen Teil der benötigten Informationen, allerdings verteilt auf verschiedene Abteilungen.
2. Datenlücken identifizieren
Im nächsten Schritt sollte geprüft werden, welche Informationen tatsächlich fehlen.
Typische Beispiele sind:
- CO₂-Emissionen wurden bisher nicht berechnet.
- Der Wasserverbrauch wird nicht zentral ausgewertet.
- Es existieren keine dokumentierten Nachhaltigkeitsziele.
- ESG-Verantwortlichkeiten wurden bisher nicht festgelegt.
Eine solche Bestandsaufnahme hilft dabei, den tatsächlichen Handlungsbedarf realistisch einzuschätzen.
3. Prioritäten setzen
Nicht jede Kennzahl muss sofort verfügbar sein. Sinnvoll ist es, zunächst jene Daten zu erfassen, die Banken besonders häufig abfragen. Dazu gehören beispielsweise Energieverbrauch, Emissionen, Anzahl der Mitarbeiter:innen oder grundlegende Governance-Themen.
Viele weitere Informationen können anschließend schrittweise ergänzt werden.
4. Prozesse aufbauen
Langfristig empfiehlt es sich, ESG-Daten regelmäßig zu erfassen und zentral zu dokumentieren. Das erleichtert nicht nur zukünftige Bankanfragen, sondern auch:
- Förderanträge,
- Ausschreibungen,
- Kundenanfragen,
- Nachhaltigkeitsberichte oder
- gesetzliche Berichtspflichten, falls diese künftig relevant werden.
Wer heute einfache Prozesse etabliert, reduziert den Aufwand bei späteren Anfragen erheblich.
Was ist, wenn einzelne Daten fehlen?
Nicht jedes Unternehmen kann alle Fragen sofort beantworten. Das ist in vielen Fällen auch nicht zu erwarten. Entscheidend ist vielmehr, transparent mit Datenlücken umzugehen und nachvollziehbar darzulegen, wie fehlende Informationen künftig erhoben werden sollen. Beispielsweise kann ein Unternehmen angeben, dass die Ermittlung der Treibhausgasemissionen derzeit vorbereitet wird oder dass künftig Energiedaten regelmäßig ausgewertet werden. Ein solcher strukturierter Aufbau wird häufig positiver bewertet als unvollständige oder geschätzte Angaben ohne nachvollziehbare Grundlage. Aus unserer Beratungspraxis zeigt sich außerdem, dass ESG kein einmaliges Projekt ist. Die Datenbasis entwickelt sich Schritt für Schritt weiter und wird mit jeder Erhebung vollständiger.
Warum fragt die Bank überhaupt nach ESG-Daten?
Viele Unternehmer:innen fragen sich, weshalb Banken plötzlich Informationen benötigen, die auf den ersten Blick wenig mit einer Finanzierung zu tun haben. Der Hintergrund liegt in Nachhaltigkeitsvorgaben für den Finanzsektor. Banken und andere Finanzinstitute gehören bereits seit mehreren Jahren zu den Unternehmen, die umfassend über Nachhaltigkeit berichten müssen. Anders als produzierende Unternehmen entstehen ihre größten Auswirkungen auf Umwelt und Gesellschaft jedoch nicht durch den eigenen Geschäftsbetrieb, sondern durch die Unternehmen und Projekte, die sie finanzieren.
Um beurteilen zu können, wie nachhaltig ihr Kreditportfolio ist und welche ESG-Risiken damit verbunden sind, benötigen Banken daher Informationen von ihren Firmenkund:innen.
Dabei definieren mehrere Regularien der EU, welche Daten Banken erfassen und berichten müssen:.
Die Sustainable Finance Disclosure Regulation (SFDR) verpflichtet Finanzdienstleister:innen dazu, offenzulegen, wie Nachhaltigkeitsrisiken in ihre Entscheidungen einfließen und welche Auswirkungen ihre Finanzprodukte auf Umwelt und Gesellschaft haben. Insbesondere nachhaltige Finanzprodukte müssen detailliert nachweisen, welche Umwelt- oder Sozialziele sie verfolgen.
Hinzu kommt die EU-Taxonomie, die definiert, welche wirtschaftlichen Tätigkeiten als ökologisch nachhaltig gelten. Banken müssen unter anderem offenlegen, welcher Anteil ihrer Finanzierungen taxonomiekonform ist. Dafür benötigen sie entsprechende Informationen ihrer Unternehmenskund:innen.
Darüber hinaus gelten für Kreditinstitute umfangreiche Offenlegungspflichten der Europäischen Bankenaufsicht (EBA). Diese betreffen unter anderem Klimarisiken, ESG-Risikomanagement sowie Kennzahlen wie die Green Asset Ratio (GAR) oder die Banking Book Taxonomy Alignment Ratio (BTAR). Auch hierfür sind belastbare ESG-Daten der finanzierten Unternehmen erforderlich.
Neben den gesetzlichen Berichtspflichten brauchen Banken ESG-Daten für die eigene Risikobewertung. Banken berücksichtigen immer mehr, wie gut Unternehmen auf Themen wie Klimawandel, Ressourcenknappheit oder regulatorische Veränderungen vorbereitet sind. Das verbessert die Risikoeinschätzung. Nachhaltigkeitsinformationen werden damit zu einem weiteren Baustein im Kreditvergabeprozess.
Frühzeitig vorbereiten zahlt sich aus
Die Abfrage von ESG-Daten wird in den kommenden Jahren voraussichtlich zum Standard in der Zusammenarbeit mit Banken werden. Auch Unternehmen, die derzeit keiner gesetzlichen Nachhaltigkeitsberichtspflicht unterliegen, sollten sich deshalb frühzeitig mit ihren ESG-Daten beschäftigen.
Wer seine wichtigsten Kennzahlen kennt, Daten strukturiert dokumentiert und erste Prozesse etabliert, kann Anfragen von Banken deutlich schneller beantworten. Das stärkt die Zusammenarbeit und das Vertrauen. Gleichzeitig entstehen wichtige Grundlagen für Förderungen, Ausschreibungen, Kundenanfragen oder zukünftige Berichtspflichten.
Der Einstieg muss dabei nicht perfekt sein. Wichtig ist, systematisch zu beginnen und die Datenbasis kontinuierlich weiterzuentwickeln. So wird aus einer zunächst ungewohnten Bankanfrage ein Anlass, die eigene Nachhaltigkeitsperformance transparenter zu machen und das Unternehmen langfristig auf zukünftige Anforderungen vorzubereiten.
Nein. Ein vollständiger Nachhaltigkeitsbericht, z.B. nach dem VSME-Standard ist nicht notwendig. Allerdings sind viele Datenpunkte darin enthalten, die auch von einer Bank verlangt werden können.
Das ist in den meisten Fällen kein Problem. Wichtig ist aber, dass Sie mit der Erfassung der Daten beginnen und der Bank auch glaubhaft kommunizieren, welchen Plan Sie haben. Grundsätzlich gilt: Daten Schritt für Schritt zu erfassen und so früh wie möglich damit zu beginnen, zahlt sich in jedem Fall aus.
Das ist von Bank zu Bank unterschiedlich. Wenn Sie keine ESG-Daten liefern, werden meistens Branchenschätzungen vorgenommen. Im schlimmsten Fall bedeutet das für Sie, dass Ihr Unternehmen schlechter eingeschätzt wird als tatsächlich der Fall ist.
